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Workshop 1: "Outside ohne Konzept!?"
Mit diesem Workshop wende ich mich in erster Linie an die fortgeschrittenen Gitarristen. Also an diejenigen, die den Begriff „Alteration“ nicht mit körperlich-geistigem Verfall, Rentnerdasein o.ä. assoziieren, sondern die Melodic Minor Scale und deren Harmonisierung in ihr Spielkonzept bereits integriert haben.
Ihr werdet schnell merken, was ich mit diesen Lines erreichen will: Die ausgetretenen Wege verlassen und versuchen, mit Hilfe alterierter Konzepte meinem Spiel eine - sagen wir mal - neue Würze geben. Ich erspare mir hier, die Halbton-/Ganzton- oder Ganzton-Modes der Melodic Minor Scale noch mal zu notieren. Dieses Kapitel wird in „Jazz Gitarre“ von Michael Sagmeister ausführlichst abgehandelt. Auch bei Gigs auf der Spanien-Tour 2002 mit Mandingo & the Jazz Department, bespielsweise in Can Cabanyes, Vilanova war das Publikum sehr von diesen Spieltechniken angetan.
1. Linien und Arpeggien
Hier sind ein paar Licks, bei denen es sich lohnt, diese einmal auszuprobieren. Diese Linien funktionieren über eine 2-5-1-Verbindung oder auch nur über einen „Static Chord“. Im Prinzip sind diese Licks nicht sehr gitarristisch, sondern stellen eher das dar, was Bläser so spielen. Allerdings habe ich diese Motive von Gitarristen wie z.B. Pat Martino, Mike Stern, Barry Finnerty, Peter O’Mara, Scott Henderson und George Benson transkribiert. Diese aber haben ihren Ideen auch von Bläsern übernommen. Erweitern lassen sich diese Linien, in dem man sie mit noch mehr Chromatik vollpackt.
Es macht in jedem Falle Sinn, mehrere Phrasierungsmöglichkeiten auszuprobieren (Notenbinden mit der linken Hand - Scofield). Das klingt immer anders als wenn man das „Alternate Picking” praktiziert (Martino, Stern). Experimentieren ist also angesagt. Zum Sound sei gesagt, das diese Licks mit einem jazzigen, leicht angezerrten Sound am besten klingen, wobei ruhig etwas Delay oder Chorus im Spiel sein darf.
Hier könnt ihr euch die Notenbeispiele als JPG- und als MIDI-File runterladen. Das Ganze ist auch in halber Geschwindigkeit zu haben (Zusatz "slow"):
Lick 1 Noten Lick 1 MIDI Lick 1 slow MIDI Lick 2 Noten Lick 2 MIDI Lick 2 slow MIDI Lick 3 Noten Lick 3 MIDI Lick 3 slow MIDI Lick 4 Noten Lick 4 MIDI Lick 4 slow MIDI Lick 5 Noten Lick 5 MIDI Lick 5 slow MIDI Lick 6 Noten Lick 6 MIDI Lick 6 slow MIDI
2. Ouartenverschiebung / Modales Begleiten
Um beim Begleiten eines Solisten im modalen Kontext nicht auf dem einen Akkord „rumhämmern“ zu müssen, kann man sich der Quartenverschiebung bedienen. Wie das funktioniert?
Hier ein Beispiel: Quartenverschiebung Noten Quartenverschiebung MIDI
Eine weitere Variante, spannungsvolle Begleitvoicings zu kreieren sind Cluster. Dazu müssen wir erst mal wissen, was ein Cluster überhaupt ist. Ein Cluster ist ein Voicing, in dem immer der Intervall einer Sekunde vorkommt. Für modales Begleiten sind Cluster ideal, um spannungsvolle farbige Sounds zu bekommen. Wer sich mit diesen Themen ernsthaft auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich folgendes Buch:
"A Chordal Concept for Guitar" von Peter O’Mara. Es tun sich da wirklich Welten auf. Ein Buch für’s Leben eben.
Hier ein Beispiel: Cluster Noten Cluster MIDI
3. Tipps zum Üben
Man besorge sich CDs der oben aufgeführten Herren (noch besser: von seinem Lieblingsmusiker) und suche sich ein Solo oder einen Soloausschnitt aus, das einem gut gefällt. Tja, und dann fängt man an, das Solo Note für Note rauszuhören. Klingt nach Arbeit - ist es auch. Die Anschaffung eines Gerätes, mit dem man das Ganze auf die halbe Geschwindigkeit runterpitchen kann, macht sicher auch Sinn (AKAI Riff-O-Matic U 40). Es gibt es auch geeignete Computerprogramme (Wavelab, Cool Edit, u.a.).
Diese Art des Übens hat 2 Vorteile: Man betreibt exzellente Gehörbildung und man spart viel Geld. Was man sich selbst heraushört vergisst man auch nicht wieder. Jedenfalls nicht so schnell als wenn man sich Transkriptionen von einem Meisterabschreiber kauft, wo dann brav alles durchgespielt wird, man aber nach 10 Takten wieder vergessen hat, was in den ersten beiden Takten noch für Noten standen. Ihr kennt diese Bücher: “1000 XY Guitar Solos“, oder wie sie alle heißen.
Wenn Musiker wie Michael Brecker, John Scofield, Frank Gambale, Adam Rodgers* usw. nach ihren Tricks ausgefragt werden, hört man immer die eine Antwort: „Transkribe more Solos"
* Diesen Ausnahmegitarristen unter die Lupe zu nehmen lohnt sich in jedem Fall
Workshop 2: "Phrasen für den Ernstfall – oder: Wie spiele ich unter erschwerten Bedingungen noch auf einem akzeptablem Niveau?"
Um zu definieren was unter „erschwerten Bedingungen“ zu verstehen ist, machen wir uns mal auf die Suche. Es ist, wie ich meine, ein komplexes Thema, das man ruhig mal ansprechen kann.
Wir kennen das: Ein paar Gigs stehen an und es ist wieder an der Zeit sich darauf vorzubereiten. Themen werden geübt, schwierige Solopassagen, funktionsharmonische oder modale Strukturen kommen ebenfalls unter die Lupe und, idealerweise liegt für jedes Stück ein Playback vor. Wir üben und es läuft ja prima. Die Gigs können kommen…
Ist dann das letzte Stück gespielt stellt man dann wieder fest (was aber nicht sein muss), dass man wieder nicht das gespielt hat, was man wollte. Dann, am frühen Morgen wieder in seiner Bude, und man bereitet den Gig nach, fallen einem dann die ganzen geilen Licks wieder ein, die eigentlich auf dem Plan standen...
Was ist passiert? Nun, es sind viele Faktoren, die einen dann „anders“ spielen lassen!
Wir haben es mit einer anderen Spiel,- und vor allen Dingen HÖRSITUATION zu tun, werden also von unserer Umgebung beeinflusst.
Das können sein: - Bühnenverhältnisse - Bühnenbeschaffenheit - Lautstärkeverhältnisse (bin ich zu leise/laut, höre ich die Key- - boards, hat der Bass keinen Druck etc.) - Schlechter Live Mix/ zuviel o. zu wenig Monitor - Amp-Position - Raumklang
Die persönliche Verfassung: - Komme ich gestresst zum Gig (Stau auf der Bahn, Weg- - beschreibung falsch etc)? - Sind die Kollegen gut bei Stimmung? - Neige ich zu Lampenfieber oder stecke ich das weg? - Zuviel (oder zu wenig) Kaffee? - Fettes Essen vor dem Gig?
Das sind nur einige Faktoren, die einen anders klingen lassen werden, aber was kann ich gegen diesen (meistens) unerwünschten Effekt tun?
Erstmal kümmere ich mich meinen Sound. Das kann ich zu einem gewissen Grad zu Hause erledigen, in dem ich mal mein Set aufbaue und laut zu meinen Playbacks spiele (zur Not den Nachbarn ‘ne Kinokarte kaufen oder mit alkoholischen Getränken versorgen). Wir Archtop-Player können ja prima unverstärkt üben, den Sound aber über einen Amp geschickt, ändert das Ansprechverhalten der Gitarre radikal… (was natürlich auch Kreativität freisetzen kann).
Aber der Sound ist nicht alles. Auch wir können unser Tonmaterial zum Gestalten unserer Soli so vorbereiten, dass wir an einem „schwierigem“ Tag noch gut dastehen, oder dem plötzlich wie entfesselt solierendem Saxofonisten Paroli bieten können (was oft ganz schön schwer ist): Ich schaffe mir „Notfallphrasen“ drauf. Motive, die gut klingen, die ich in allen Tonarten spielen kann und die ich auswendig gelernt habe. Zugegeben: musikalisch ist das nicht, aber wir reden ja über Gigs unter erschwerten Bedingungen. So habe ich die zumindest die Chance, ein gewisses Niveau nicht zu unterschreiten. Warum nicht mal mit gezinkten Karten spielen?
Meine 9 Beispiele sollen andeuten wie ein solches Material aussehen könnte. Sie passen gut in modale Strukturen und man kann auch mal ein „Swing Feel“ versuchen. Gerade beim modalen Improvisieren brauchen wir Ideen, Ideen und noch mal Ideen. Wir kommen also gar nicht umhin, uns einen Teil unseres Tonmaterials durch Transkriptionen zu „besorgen“. Die zweitaktigen Phrasen ( #1,#3,#4,#5,#6,#7,#9) könnten z.B. als Überleitungsfunktion zwischen 2 Ideenblöcken dienen.
Noch was: Wiederholen von Licks während eines Solos sind kein Zeichen von Ideenarmut sondern ein Stilmittel. Hört euch mal „Joyous Lake“ von Pat Martino an. Studien haben bewiesen, das Mike Stern während eines Konzertes sein (Solo-) Repertoire 3x wiederholt.
Idealerweise ist ein Gig immer mitzuschneiden, um dann mal mit etwas Abstand reinzuhören Auffällig oft auch hier: Man spielt Phrasen, die man vorher noch nie gespielt oder vorbereitet hat. Schwierige Verhältnisse setzen also ganz oft auch neue Kreativität frei.
Trotzdem: Den größten Anteil zum Gelingen der solistischen Darbietungen tragen die begleitenden Mitmusiker .Ein gutes Solo ist nur dann ein solches, wenn man es auch zulässt.
Viel Spaß mit den Notenbeispielen!









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